Wer kennt sie nicht: einmalige Lichtgestalten, die plötzlich auf die Bildfläche treten und alles richtig zu machen scheinen. Fragt man nach dem Werdegang, schweigt die Erzählung zu schwierigen Themen oder mythologisiert ihre Wurzeln. So lange, bis nur mehr Episoden übrig bleiben, die das Narrativ ihrer Heiligengeschichte stützen.

Ein Kommentar Von Alfons Kluibenschädl

Die Tradition frisierter Biographien begann in grauer Vorzeit. Wie ein Autor in der rechtsintellektuellen „Sezession“  anmerkte, hüllte der vom Mundschenk zum König gewordene Sargon von Akkad (3. Jtsd. v. Chr.) einen so schicken Schleier um sein Leben, dass er nicht nur Leitbild seiner Nachfolger wurde, sondern der Nachwelt seine Mutter statt als Tempelhure als zur Keuschheit verpflichtete Priesterin erhielt. Kaum jemand kennt die einfache Herkunft Napoleons oder die gehobene Familiengeschichte von Arbeiterführer Lenin. Die bäuerliche Schulabbrecherin Lenuța Petrescu wurde zur studierten Elena an der Seite von Nicolae Ceaușescu umfunktioniert. Zum Zweck konservativer Ziemlichkeit machte man sie sogar jünger als ihren Gatten. Heute scheinen Heiligschreibungen schwieriger. Dennoch lechzt das Volk nach Helden mit Messias-Narrativ. Zu unserem „Glück“ dürfen wir zeitgleich mehrere „Unfehlbare“ bewundern.

Mal kurz Europa retten

Über die Jugend von Sebastian Kurz ist wenig bekannt, außer dass er – je nach Publikum – das einfache Leben im Wiener Arbeiterbezirk genoss oder bei der donauschwäbischen Oma im 100-Seelen-Weiler im Waldviertel aufwuchs. Dem „Geilomobil“ entstiegen, kam er zuerst als Außenminister, dann als Kanzler nach Jahren in Regierungsverantwortung wie die Jungfrau zum Kinde und schloss die Balkanroute für allerlei Einwanderer und Viren, so das Narrativ.

Bereits nach der zweiten Sprengung einer Koalition im Vorjahr wusste er sich als Leidtragender gescheiterter Politehen zu verkaufen: „Die Roten wollen nicht, die Blauen können nicht“. Drum holte er sich die linken Grünen ins Bett, um das „Beste aus beiden Welten“ anzubieten. Nun war alles möglich: In der Pandemie-Bekämpfung erneut zum Vorreiter stilisiert, jubeln ihm Menschen zu. Und zwar, obwohl er ihnen die Grundfreiheiten, die wirtschaftliche Grundlage und die Würde nahm, während sein direktes Umfeld am verordneten Maskenball mitverdient. Ein „Krisenmanager“ eben, wie üppig alimentierte Jubelmedien wissen. Zeitweise kratzte er mit diesem Bild sogar an der absoluten Mehrheit.

Merkel als Mutter Gottes

Ähnlich grotesk ist die Geschichte der Sonnenkanzlerin beim großen Nachbarn. Heutige Abiturienten erinnern sich nur vage an Zeiten vor Merkel. Die Tochter eines freiwillig in die DDR gezogenen Landpfarrers wurde nach der Wende von der kommunistischen Jugendfunktionärin nach Jahren als Chemikerin ohne bekannte wissenschaftliche Glanzleistung zur konservativen Politikerin, die Deutschland auf dem Ticket des „absolut gescheiterten Multikulti“ aus dem rot-grünen Alptraum holen wollte.

Dort angekommen, wurstelte sie sich durch die Wirtschafts- und Griechenlandkrise und öffnete 2015 mit den Worten „Wir schaffen das“ die Scheunentore. Einige Jahre der „Merkel muss weg“-Sprechchöre nagten am Heiligenschein, aber er barst nicht. Trotz erst zögerlichen, dann behäbigen Handelns in der Corona-Krise ist die Beliebtheit zurück. Wohlgesonnene Medien saugen die Aura auf, sprechen ihr sogar wörtlich die Perfektion zu.

Die kinderlose „Mutti“ Deutschlands ist endgültig zur Muttergottes geworden. Des Volkes Zier, schnellen die Werte ihrer Partei grundlos in ungeahnte Höhen. Nach 15 Jahren sachpolitischem Stillstand und vier versemmelten Krisen ist sie dank ihrer Heiligengeschichte am Zenit ihres politischen Wirkens.

Die schwedische Heilige

Ähnliche Beispiele sind mannigfaltig: Von Obama, der rein auf den Vorschusslorbeeren seiner Hautfarbe zum Heilsbringer wurde und als Friedensnobelpreisträger diverse Länder bombardierte, bis zum mit seiner Lehrerin durchgebrannten Ex-Bankier Macron, der ein Jahr, nachdem er seine Polizei mit Waffengewalt das gelbe Westen tragende eigene Volk niederknüppeln ließ, wieder fest im Sattel sitzt.

Interessant ist der Blick auf die jüngste Addition im Heiligenaltar – weil die Geschichte untypisch ist. Die jugendliche Greta Thunberg kommt aus behütetem Elternhaus. Depression prägt trotzdem die Kindheit. Bis zum Augenblick, als ein PR-Berater sie mit einem Schild vor dem Parlament sitzen sieht. Plötzlich ist eine Asperger-Diagnose ihre Superkraft und frühere psychische Instabilität hehrer Weltschmerz, der ihre Erweckung überhaupt erst ermöglichte. Ein Mädchen als Galionsfigur konformistischer Rebellion trifft Staats­chefs, selbst verstörende Auftritte werden zur Legende. Bald ist sie nicht nur als Chef-Klimatologin, sondern auch als Hobby-Virologin gefragt. Mit dem jugendlichen Charme einer Jungfrau von Orléans kann sie gar zum Sturz bestehender Ordnungen aufrufen, jeder Ausrutscher wird sofort verziehen. Ein Teenager, zur Gottgleichen aufgeblasen – der tiefe Fall ist nicht in Sicht.

Ist es Sehnsucht?

Ob blinder Personenkult für ein mündiges Volk ratsam ist, sei dahingestellt. Vielleicht ist die Erosion althergebrachter Werte, der Leitkultur und des spirituellen Angebots bei zeitgleichem Fehlen echter Heldengeschichten mit schuld. Die Menschen merken: Etwas stimmt nicht – und sind empfänglich für Lichtgestalten, die mit einfachen Antworten aus dem Dunkel führen. Auch wenn es falsche Propheten sind.