Das ist es also, denke ich als ich vor dem gelben Gebäude stehe, in dem der einst berühmte, heute jedoch weitgehend vergessene „Engel von Aschach“ die letzten 20 Jahre seines Lebens verbrachte. Das Haus war einmal die Post und danach das Wohnhaus der Familie Lettmayr, in deren Haus an der Uferpromenade der „Engel von Aschach“ letztlich Aufnahme fand.

Als „Engel von Aschach“ wurde die ehedem steinreiche, seit 1936 jedoch total verarmte Gräfin Cäcilie Sariusz-Zamoyski bezeichnet. In ihrem Ausgedinge, so berichteten Aschacher, stand die melancholisch wirkende Gräfin oft lange an einem der Fenster im ersten Stock und blickte gedankenversunken hinaus auf die Straße. Möglicherweise hat sie sich dabei ihrer besseren, um nicht zu sagen glanzvolleren Tage erinnert.

Die Gräfin war nämlich eine lebenslustige Frau, die mit ihrem Mann, dem k. u. k. Kämmerer und Rittmeister a. D. Eugen Graf Sariusz-Zamoyski, in ihrer 1897 erbauten und luxuriös ausgestatten Villa rauschende und ausgedehnte Feste gefeiert hat. „Bei der Gräfin gibt es keine Uhren“ wurde gemunkelt und tatsächlich wurden die Zeiger der Chronometer angehalten, wenn Gäste in der Villa waren. Im Jahr 1913 ließ sich Cäcilie noch eine zweite Villa bauen.

Sie wusste was Armut heißt

Doch ihr aufwändiger Lebenstil war nicht die Ursache für ihre Verarmung. Los geworden ist sie ihren gesamten Reichtum durch ihre Wohltätigkeit. Denn die ehemalige Wirtstochter weiß, was Armut heißt. Sie war erst zwölf und die Tochter des Bärenwirts als der damals 47-jährige Graf im Gastgarten des Gasthauses ihrer Eltern einkehrte und sie ihm ein Glas Wein kredenzte.
Dabei entflammte der begüterte Herr Rittmeister spontan in Liebe zu dem blonden Mädel mit seinem frischen und offenen Wesen und überlegte wie er sie haben könnte. Nach Absprache mit Cecilias Eltern nahm er sie unter seine Fittiche, ließ ihr zunächst eine vornehme Erziehung angedeihen und lebte dann, als sie dem Backfischalter entwachsen war,  in wilder Ehe mit ihr zusammen, bis ihn der Pfarrer 1895 endlich zur Hochzeit mit der damals schon 28-jährigen drängte. Ihrer luxuriösen Villa durfte sich das verheiratete Paar nur sechs Jahre gemeinsam erfreuen.

„Engel von Aschach“

Denn 1906 starb Graf Eugen an einem Asthmaleiden im 73. Lebensjahr. Seine letzten Worte waren: „Seid alle glücklich und helft den Armen!“ Die Witwe nahm es wörtlich und begann ihr Geld für Hilfsbedürftige auszugeben. Vor allem im Ersten Weltkrieg versorgte sie die Lazarette in Linz und Wels mit Lebensmitteln, Kleidern, Verbandsstoffen und die Kinder der Umgebung mit warmen Mahlzeiten. Bald nannten sie alle nur noch den „Engel von Aschach“.
Als der Krieg zu Ende war, war auch das Vermögen weg. Nun saß die Gräfin finanziell auf dem Trockenen und war jetzt selbst auf Almosen angewiesen. 1935 wurde die gräfliche Villa versteigert und Cäcilie war froh, im Haus der Lettmayrs eine Bleibe gefunden zu haben. Dort lebte sie dann bis zu ihrem Tod. Sie starb 1957 hochbetagt im 90. Lebensjahr.

+++
Der Artikel hat für Sie wichtige Neuigkeiten enthalten? Sie wollen keine brisanten Informationen mehr verpassen? Dann abonnieren Sie unseren kostenlosen NEWSLETTER!