Die Brücken über die Traun nicht gesprengt

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In Wels endete der Weltkrieg schon vier Tage vor dem 8. Mai 1945

Die Brücken über die Traun nicht gesprengt

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Vor 75 Jahren, am 8. Mai 1945, endete der Zweite Weltkrieg. In Wels war er de facto schon am 4. Mai zu Ende. Die Amerikaner marschierten die Mittagszeit aus Richtung Puchberg kommend in der Volksfeststadt ein. Was sich in den letzten Stunden dort abgespielt hat, erzählt dieser Bericht.

Eine Reportage von Kurt Guggenbichler

Die Amis kommen! Dieser Ruf hatte die Welser schon in den letzten Apriltagen aufgeschreckt. Hastig ließ die Kreisleitung einen äußeren und einen inneren Verteidigungsring errichten. Verteidigt wurde er aber nicht mehr.

Angesichts der Aussichtslosigkeit der Lage hatten sich die wenigen SS-Einheiten in der Stadt über Thalheim in Richtung Kirchdorf davongemacht.

Es gab auch noch kaum Waffen und Munition, sodass letztlich auch Kreisleiter August Mayrhofer nicht mehr auf einen Abwehrkampf beharrte.

Kein Abwehrkampf

Trotzdem rief er am Morgen des 4. Mai 1945 noch Leutnant Volkmar Vösleitner zu sich und befahl ihm, die Straßen- und die Eisenbahnbrücke über die Traun bis 13 Uhr in die Luft zu jagen.
Doch den Vollzug seines Befehls mochte Mayrhofer nicht mehr abwarten.

Bereits zu Mittag verabschiedete er sich aus Wels in Richtung des Sperrriegels bei Gunskirchen, um dort nach dem Rechten zu sehen, wie er zum Abschied hinterließ. Von da an war er verschwunden.

Wo Bürgermeister Josef Schuller zu diesem Zeitpunkt im „Abwehrkampf“ stand, wusste auch niemand. Angesichts dieser Entwicklung sah Leutnant Volkmar Vösleitner nicht mehr viel Sinn in einem Abwehrkampf.

Derselben Meinung war auch Oberleutnant Friedrich Teufel. In Absprache mit Major Hubert Loisl, dem Garnisons- und Kasernenchef, beschlossen die Offiziere, die Brücken nicht zu sprengen und die Stadt den Amerikanern kampflos zu übergeben.

Dafür war es auch schon höchste Zeit. Mittlerweile hatten schon Teile des 66. US-Infanterieregiments der 71. Division den Fliegerhorst (heutige Kaserne) besetzt.

Serviette als Fahne

Etwa um diese Zeit waren Teufel und Vösleitner in Richtung Neustadt unterwegs. Die beiden mussten vorsichtig sein, denn nun konnten sie jederzeit auf den Feind treffen.

Auf der Karlsbrücke (heute Neustadt-Unterführung) stiegen die beiden aus ihrem Kübelwagen, um zu Fuß weiterzugehen, in der Hand eine weiße Stoffserviette als Parlamentärs-Flagge.

Auf dem Grünbachplatz liefen sie einem US-Spähtrupp in die Arme, der sie zu ihrem Kommandeur Colonel Regnier brachte. Am späten Nachmittag wurde dann in der Alpenjägerkaserne von Major Alois Loisl die Kapitulationsurkunde unterzeichnet.

Irgendwann um diese Zeit hatte die 13-jährige Helga Weigel mit anderen Kindern im Burggarten gespielt. Auf dem Nachhauseweg kamen dem Mädel schon Panzer und Jeeps mit weißen Sternen entgegen.

Die 18-jährige Isabella Mayer-Knonow, Tochter eines Welser Oberstaatsanwaltes, sah in etwa zur selben Zeit die ersten Amerikaner über die Traunbrücke schlendern. Der Einmarsch verlief geordnet, trotzdem waren alle hoch nervös. Auch der Feind.

Nerven verloren

Dessen Nervosität musste ein Gastwirt namens Leutgeb auf dem Grünbachplatz mit seinem Leben bezahlen. Denn als ein US-Soldat hinter dem Fenster eines Wirtshauses eine deutsche Uniform erspäht zu haben glaubte, schoss er sofort drauflos.

Daraufhin sackte der Wirt tot zusammen. Ganz in der Nähe hatte es kurz davor auch einen Wehrmachtsoffizier in seinem Auto erwischt.

Der achtjährige Manfred Zeilmayr, der später Feuerwehrkommandant von Wels werden sollte, hatte die ersten Amis vor seinem Wohnhaus (ehem. Gasthaus Maurhardt) am Stadtplatz erblickt.

Böse Überraschung

In der Traungasse, wo ein SS-Offizier mit Maschinenpistole dem heranrückenden Feind auflauerte, gelang es Passanten gerade noch, diesen von seinem einsamen Abwehrkampf abzuhalten.

Im Vorübergehen entwaffneten die Amis auf dem Stadtplatz noch schnell einige sich ergebende Polizeibeamte und westlich von Wels, in einem Wald bei Gunskirchen, wurde der 20-jährige Sergeant Mason „Mickey“ Dorsey in seinem Panzerspähwagen von einem Tor gestoppt.

Dahinter gewahrte er seltsam erscheinende menschliche Gerippe. Was war das hier?, fragte sich Dorsey. Später erst würde er erfahren, dass er ein so genanntes KZ-Außenlager entdeckt hatte.

Die wenigen Überlebenden wurden daraufhin in die ehemaligen deutschen Lazarette der Stadt geschafft, in denen nun die Amerikaner die Befehlsgewalt hatten wie in der gesamten Stadt.

Selbstmord

Für Friedl Öhler, der langjährigen Welser Kreisfrauenschaftsleiterin und deren Familie, war diese neue Situation offenbar unerträglich. Sie sollte daher schon bald die Konsequenzen ziehen.

Nur vier Tage später, am 8. Mai 1945, dem Tag der Kapitulation von Großdeutschland, hat sie sich mit ihrer gesamten Familie umgebracht.

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