„Unsere Stämme wurden durch Einwanderer fast ausgerottet“

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Alte Feinde in stillem Frieden

„Unsere Stämme wurden durch Einwanderer fast ausgerottet“

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Knapp sechs Stunden dauert die Fahrt von der Westernstadt Cody bis nach Riverton in Zentral-Wyoming. Dort beginnt das Wind River Indianer-Reservat. Es ist etwa so groß wie der Yellowstone Nationalpark. Heute leben hier rund 13.000 Ureinwohner. 1863 wurden die Shoshone hierher umgesiedelt, später Arapaho – heute die Mehrheit der Bewohner. Beide Stämme waren ursprünglich verfeindet.

Ein Lokalaugenschein mit Kornelia Kirchweger

Das Reservat-System wurde in den USA 1851 gegründet. Als immer mehr Siedler nach dem Westen auf der Suche nach Gold und anderen Ressourcen drängten, wurde den amerikanischen Ureinwohnern allmählich ihre Lebensgrundlage entzogen. Den kriegerischen Auseinandersetzungen um ihr angestammtes Land waren sie nicht gewachsen, ganze Stämme wurden ausradiert. Die Überlebenden verhandelten – oft noch in gutem Glauben – ihre Rechte und wurden erneut betrogen. Was folgte, war ihre Zwangsumsiedlung in Reservate, in denen es keine Freiheit und keine Menschenrechte gab. Schlechtes Agrarland, Hungersnöte, Krankheiten und die Auslöschung Jahrhunderte alter Kulturen hinterließen ein bis heute andauerndes Trauma.

Ganze Stämme ausradiert

Erst allmählich erhielten die Ureinwohnern die Selbstverwaltung über ihre Reservate mit eigener Verfassung und Gesetzen. Die Reservate sind heute ihr „Staat“, nur mehr ein trauriger Bruchteil dessen, wo sie früher umherzogen und jagten. Doch es gibt auch kleine Lichtblicke: 2016 brachten die Shoshone zehn Büffel auf das Areal. Sie wollen daraus eine Herde von mindestens 1.000 Tieren machen. Zuletzt wurden hier Büffel um etwa 1885 gesehen. Shoshone und Arapaho betreiben hier auch Hotels und Casinos. In einem dieser Casinos, im kleinen Ort Lander, treffe ich den 62-jährigen Chee Tay. Jeder nennt ihn Rocky, sein „amerikanischer“ Name ist Allison Sage. Er begrüßt mich mit einem herzlichen Hand-Shake.

Wo liegen Ihre Wurzeln?
Ich bin Arapaho. Einige meiner Vorfahren waren aber auch Shoshone.

Hat Ihr indianischer Name eine Bedeutung?
Ja, Chee Tay bedeutet: der in die Hütte geht.

Sie leben und arbeiten im Reservat?
Ja. Ich bin hier aufgewachsen, ging dann aufs College und bin hier Sozialarbeiter, Pferdezüchter und mache noch andere Jobs.

Wie ist das Reservat organisiert?
Wir haben eine „Regierung“, einen Verwaltungsrat mit sechs Arapaho und sechs Shoshone. Unsere Leute sitzen auch im Bureau of Indian Affairs, wo die wichtigen Dinge entschieden werden. Trotzdem gibt es hier viele Probleme. Wir sind nicht wirklich ganz unabhängig. 

Sie haben auch eigene Einnahmen…
Wir können etwa Hotels oder Casinos betreiben. Wir verkaufen auch ab und zu Land, haben Fischereirechte und Einnahmen aus Lizenzen und dem Tourismus. Was wir hier einnehmen, geht aber zu etwa 80 Prozent an den Bundesstaat zurück.

Es gibt aber auch Unterstützung…
Ja, wenn man als Amerikanischer Ureinwohner eingetragen ist („enrolled“). Man bekommt im Reservat ein Stück Land und einen Zuschuss vom Staat. Ein Arapaho erhält hier  60 US-$ pro Monat, ein Shoshone 160 US-$.

Warum dieser große Unterschied?
(murmelt)…vielleicht haben die besser verhandelt…

Was erleben Sie als Sozialarbeiter?
Viele zerrüttete Familien. Alkoholsucht. Die Eltern schlagen ihre Kinder und bieten ihnen kein sicheres Heim. Dann werden die Kinder von der Sozialbehörde geholt und woanders untergebracht.

Was ist der Grund dafür?
Wir leben in einem permanenten Trauma. Wir haben unsere Gebiete verloren, unsere Sprache, unser Leben. Auch wenn wir wollen und uns bemühen: das können wir nicht mehr ändern. Und das Trauma geht an die Kinder weiter. Es sitzt in unseren Genen. 500 Jahre Vertreibung…das bleibt.Und die Diskriminierung geht weiter.

Auch Sie leben in diesem Trauma?
Ja. Ich spreche auch kaum Arapaho. Meine Vorfahren wurden in christlichen Missionsschulen, in Internaten, umerzogen. Die eigene Sprache wurde ihnen aus dem Leib geprügelt. Man durfte nur Englisch sprechen, musste sich anders kleiden und benehmen.

Gibt es Schulen im Reservat?
Ja. Öffentliche Schulen und eine staatliche „Tribal“ Schule (Stammes-Schule). Es gibt auch ein Tribal College. Aber das funktioniert nicht so gut. Von den Lehrern sind zehn bis 15 Prozent amerikanische Indianer. Unterrichtssprache ist Englisch. Je nach Engagement eines Lehrers wird mehr auf unsere Geschichte und Kultur eingegangen. In der staatlichen Schulverwaltung sitzen zwar auch US-Indianer, aber die haben nicht viel Einfluss.

Die Jugend hat viele Probleme…
Sie hat keine Perspektive, kaum Chancen auf Arbeit. Der Anreiz zur Bildung ist nicht groß. Es gibt weiterhin Vorurteile gegen uns. Dazu kommt das allgegenwärtige Trauma…

Und sie bleiben im Reservat….
Für viele ist das eine Schutzzone. Man lebt unter seinesgleichen. Es ist unser Land.

Haben Sie noch große Ziele?
Ich bin dabei, mich selbstständig zu machen. Mit Familientherapie und psychosozialer Beratung, die hier dringend nötig ist.

Was fällt Ihnen zu  Europa ein?
Dort leben auch viele Stämme. Die Franzosen, Deutschen, Italiener…die haben alle eine alte Geschichte, Kultur und Traditionen. Es ist wichtig, das zu erhalten. Unsere Stämme wurden durch Einwanderer fast ausgerottet. Das können wir nie mehr rückgängig machen.

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