Die Nahost-Expertin Karin Kneissl, die dem „Wochenblick“ bereits vor einem Jahr ein ausführliches Interview gegeben hat, wird als neue Außenministerin gehandelt. So wie es derzeit aussieht, hat sie gute Karten.

Kein Wunder bei dieser Laufbahn und ihren internationalen Erfahrungen und Kontakten. Kneissl war unter anderem acht Jahre lang im diplomatischen Dienst der Republik Österreich, hat zahlreiche Lehraufträge im In- und Ausland und mehrere Bücher über den Nahen Osten, über Geo- und Energiepolitik veröffentlicht.

Europäer zu sehr mit sich selbst beschäftigt

Vor kurzem ist ihr neues Buch „Wachablöse“ erschienen. In diesem rund 100 Seiten umfassenden Band geht es diesmal ausnahmsweise nicht um den Nahen, sondern um den Fernen Osten: Um China. Und das mit gutem Grund.

Es geht um ein Land, das die Europäer lange Zeit grob vernachlässigt haben, weil sie zu sehr mit sich selbst, den Krisen innerhalb der EU und der Beobachtung von Washington beschäftigt waren. Über den Tellerrand in Richtung Osten blickte kaum jemand. Erst seit der nordkoreanische Diktator Kim Jong-un mit seinen Raketentests die Welt in Atem hält, bekommt China auch bei uns jene mediale und politische Aufmerksamkeit, die es verdient.

„Reich der Mitte“ bald neue Weltmacht?

„Auf dem Weg in eine neue chinesische Weltordnung“, so lautet auch der Untertitel von Kneissls Buch. Das „Reich der Mitte“ ist auf dem Weg zu einer neuen Weltmacht. Das hat auch auf unser Leben in Österreich und Europa weitreichende Auswirkungen. Europa spielt im neuen pazifischen Zeitalter nur noch eine untergeordnete Rolle.

Der Zug in Richtung Fernost ist längst abgefahren, Europa steht verlassen am Bahnsteig. Das wird erst jetzt vielen Politikern und Journalisten langsam und schmerzlich bewusst. Karin Kneissl: „Dass die Zukunftsmusik nicht in der EU spielt, hat sich herumgesprochen. Der Aufstieg Chinas als geopolitischer Akteur wurde aus europäischer Sicht, mit Ausnahme Londons, der Schweiz und Ungarns, kaum beachtet.“

Zukunftsmusik spielt nicht in der EU

Wie sehr europäische und vor allem auch österreichische Politiker Chinas neue Rolle in der Welt unterschätzt haben, illustriert ein kurioses Beispiel aus Österreich: Als Peking sein gigantisches und Kontinente umspannendes Seidenstraßenprojekt offiziell gestartet hat, fehlte Österreichs Infrastrukturminister Jörg Leichtfried.

Er hatte Besseres zu tun als zu diesem zukunftsweisenden Gipfeltreffen der Welt zu reisen, er war mit Koalitionsstreitigkeiten beschäftigt. „In Wien wird nicht begriffen, was auf dem Spiel steht“, schreibt Kneissl.

Kneissl: Wien hat nichts begriffen

Sie empfiehlt ein in ihrem Buch ein radikales Umdenken: Österreich und die EU müssen sich auf die neue Situation mit einem immer mächtiger werdenden China endlich einstellen.

Keine Frage, wer wie Kneissl etwas von Diplomatie, dem Nahen und dem Fernen Osten und vor allem von Geopolitik versteht, macht auch als Außenminister eine gute Figur. Dass sie über diese Fähigkeiten und dieses Wissen verfügt, beweist sie nicht zuletzt mit ihrem neuen Buch.

Karin Kneissl: Wachablöse. Auf dem Weg in eine chinesische Weltordnung, 112 S., TB, EUR 14,90, Verlag Frank & Frei; ISBN: 978-3950434842