Top-Ökonom erklärt: Deshalb lagen offizielle Inflations-Modelle so massiv daneben

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Schreibtisch-Ökonomen nehmen ihre Modelle zu ernst

Top-Ökonom erklärt: Deshalb lagen offizielle Inflations-Modelle so massiv daneben

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Den hochkarätigen Abschluss des Vortragsteils des ersten GVS-Finanzkongresses in Wien bildete der Ökonom Mag. Gregor Hochreiter. Der Erfolgs-Buchautor (u.a. “Krankes Geld – kranke Welt” und “Die Nullzinsfalle”) und Chefredakteur des “In Gold We Trust” Reports ging der zentralen Frage nach, weshalb die offiziellen Inflations-Schätzung dermaßen daneben lagen. Wie sein Vorredner Prof. Hans-Werner Sinn ließ er dabei kein gutes Haar am Agieren der Europäischen Zentralbank (EZB).

Zentralbank-Modelle tendieren zum Inflationsziel

Hochreiter stellte heraus, dass die Inflationsprognosen der EZB sich ständig auf ihr offizielles Inflationsziels von zwei Prozent hinbewegten – mal früher, mal später. Auch andere Zentralbanken wie die Bank of Canada operiere mit solchen Modellen. Auch dort tendieren sie nach einiger Zeit auf die magische Zwei-Prozent-Marke. Diese Rechenbeispiele seien für sich alleine noch kein Problem. Wenn allerdings Funktionsträger wie EZB-Chefin Christine Lagarde ihre Zurückhaltung bei der Ergreifung inflationsbremsender Maßnahmen mit diesen Modellen begründe, sei dies gefährlich.

Denn blinder Verlass auf mathematische Modelle missachte die menschliche Natur, die Ökonomie sei keine exakte Naturwissenschaft. Die Reaktion von Menschen kann nicht zweifelsfrei vorausgesehen werden. Dies betrifft Handlungen in Krisen generell – andere Begleitfaktoren aber noch intensiver. So wisse bei einem die Inflation ankurbelnden Konflikt wie dem Ukrainekrieg niemand, ob der Frieden am nächsten Tag oder erst in drei Jahren geschlossen würde. Dennoch habe man das Gefühl, dass die Modelle “kein Hilfsmittel, sondern den Krückstock, an dem man seine ganze Politik aufstützt”, darstellen.

Von Einzelkrisen zur Konvergenz der Krisen

Sowohl bei Corona als auch bei der aktuellen Teuerungswelle war der Schätzungsfehler enorm – auch in ersterem Fall betrug dieser mehr als zwei Prozent. Hochreiter hinterfragte auch die Darstellung der EZB, dass man die Inflation nicht mit jener der 70er-Jahre vergleichen könne. Tatsächlich sieht man aber seit Jahren eine kontinuierliche Angebotsverknappung. Doch die EZB reagiere vor allem damit, mit “zu einfacher Sprache zu einfache Lösungen” (oder deren Ausbleiben) vorzuschlagen. Dabei setzt sie sogar auf bildliche Modelle, welche die intellektuelle Auffassungsgabe des Volkes sichtlich geringschätzen…

Dabei erlebe generell jede zweite Generation große Krisen, die sie aus dem Lebensrhythmus herausreißen und vor große Herausforderungen stellen. Beachtlich sei allerdings, dass man allmählich von Einzelkrisen zu einer Konvergenz der Krisen komme. Zum einem habe man eine Inflationskrise, weiters sei Corona gerade in Deutschland und Österreich aus politischer Absicht noch nicht vorüber. Die Migrationskrise nehme mit 1.000 Neuankünften an manchen Tagen wieder Fahrt auf. Dazu kommt eine Energiekrise sowie die demographische Krise der Überalterung, welche den Alltag künftig ganz fundamental verändern wird.

Corona-Blase: Zwangssparen als Konjunkturstütze

Auch Hochreiter hält die Deutung, wonach die Ukrainekrise der singuläre Preistreiber wäre, für grob verkürzt: “Politiker haben ihre eigene Welt, aber eine Vereinfachung sollte keine Verzerrung sein.” Die Wurzeln der aktuellen Teuerungswelle liegen nämlich in der Corona-Krise – nur, dass dies in den offiziellen Zahlen nicht auffiel. Faktisch stellte der erste Lockdown nämlich eine schlimme Wirtschaftskrise dar. Allerdings wurde viel Geld verteilt, durch die Schließungen verdonnerte man die Bürger zu einem Zwangssparen, das absurderweise eine Konjunkturstütze war.

Das damals gesparte Geld diente in der Folge nämlich dazu, bei gestiegenen Preisen das reale Konsum-Niveau noch aufrecht zu halten. Es stellt sich allerdings, so Hochreiter, die Frage, wie lange die Rücklagen noch halten. Er befürchtet, dass sich spätestens im Herbst auch in der breiten Mittelschlicht die Ernüchterung breitmachen wird, viel weitere Kreise den Gürtel dann enger schnallen müssen. Es könnte allerdings auch schon im Juli eintreffen und die Menschen könnten mit einer Streichung ihres Urlaubs reagieren, was gerade in einem Tourismusland wie Österreich verheerende Folgen hätte.

Verschärfung durch energiepolitische Fehler

Das Wirtschaftswachstum, das statistisch kolportiert wurde, findet jedenfalls nicht statt. Denn das BIP-Wachstum im Vorjahr war eben nur eine teilweise Rückkehr zur Normalität. Die Politiker würden sich allerdings gerne in ihren vermeintlichen Erfolgen sonnen. Es sei bei der Auswertung auch immer eine Frage nach der verwendeten Zeitachse. Man könnte aktuell behaupten die Preise für zukünftige Ölpreise (“Futures”) wären um 30 Prozent zurückgegangen, im Jahresvergleich stünde dort aber immer noch eine Vervierfachung des Preises.

Zugleich wurde der Euro gegenüber dem US-Dollar um 8 Prozent abgewertet – weshalb wiederum die Seitwärtsbewegung des Goldkurses für einen Investor aus der Eurozone sehr wohl einen Realvermögensgewinn darstellte.

Im Bezug auf die Energiekrise erinnerte Hochreiter daran, dass man den Preisanstieg ja bereits im Vorjahr als Problem diskutierte. Hier sei zudem auffällig, dass die Bedeutung Russlands für die Gas-Versorgung über die Jahre hinweg deutlich zunahm. Dies war aber auch eine Folge dessen, dass andere europäische Länder wie die Niederlande ihre Produktion herunter schraubten. Zudem verzichte Deutschland freiwillig auf die Ausbeutung eigener Gasreserven in Nordrhein-Westfalen, dasselbe geschehe in Österreich im Weinviertel. Dabei würden solche Reservoirs den Eigenbedarf für 30 Jahre decken.

Italien: Staatsschulden & Fake-Wirtschaftswunder

Bei der Frage nach der Rolle der Staatsschulden und der EZB-Rolle vertrat Hochreiter eine differenziertere Position als Sinn. Er verwies auf den Umstand, dass zwar die Schweiz oder Schweden über geringe Staatsschulden verfügen – dafür aber über eine hohe Unternehmens- und Haushaltsverschuldung. Allerdings sei es auch immer eine Frage des politischen Windes, ob die Staatsverschuldung ein Thema sei. In Italien höre man seit der Machtübernahme des Ex-EZB-Chefs Mario Draghi nichts mehr darüber. Wirtschaftsmagazine hätten das Land im ersten Amtsjahr sogar zum “Staat des Jahres” erkoren.

In Wirklichkeit spielten externe Faktoren hinein wie etwa die Reisesicherheit als Autotourismus-Land in der Corona-Zeit. Ein “Wirtschaftswunderland” war es auch in den letzten beiden Jahren nicht. Nun, wo das Land im europäischen Inflationsvergleich besonders schlecht dasteht ist die Ernüchterung groß. Trotzdem werde das Thema aktuell unter Verschluss gehalten – während es bei einem rechtspopulistischen Wahlsieg sicherlich wieder aus der Schublade geholt werde. Im Bezug auf die Möglichkeiten von Zentralbanken erwähnte er mäßig erfolgreiche Zinsbremsen in Japan oder Australien.

Alltagsindizien treffsicherer als Schreibtisch-Modell

Vielleicht, so Hochreiter, sei es aber auch besser, weniger auf konventionelle Statistiken zu hören, sondern mehr auf die Stimmung im Volk. So zeigten Befragungen von Bürgern, dass das Konsumentenvertrauen in der EU und der Eurozone bereits seit 2017 zurückgeht. Wieso sollte in einer solchen Lage also die Wirtschaft fundamental wachsen? Als Rezessionsindikatoren wären unorthodoxe Indizes oft treffsicherer.

Dabei nannte er den Wolkenkratzer-Index, der belegt, dass im Niedrigzins-Zeitraum kurz vor Krisen oft ein Bauboom stattfindet. Skurril mutet dagegen der “Lippenstiftindex” der Firma Estelle Lauder sowie der “Unterhosenindex” aus der Feder des Ex-FED-Chef Alan Greenspan an. Ersterer dokumentiert, dass Frauen vor Krisen mehr Lippenstift kaufen, um im trister werdenden Alltag einen Lichtblick zu haben. Demgegenüber kaufen Männer weniger Unterwäsche, wenn die Krise naht.

Solche Beobachtungen zeigen: Schreibtisch-Ökonomen nähmen ihre Modelle oft zu ernst. Ein Blick auf die Alltagsentwicklungen gebe oft wirkliche Informationen. Etwa, wenn wohlsituierte Wiener ihre Standesdünkel aufgeben und es plötzlich als “cool” empfinden, statt am Bobo-Markt zu flanieren auf wesentlich kostengünstigere Märkte in den Außenbezirken auszuweichen.

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