Der Künstler Werner Puntigam ist 1964 in Bad Radkersburg geboren und lebt in Linz. Mit seiner "Muezzin-Aktion" sorgt er derzeit in der Linzer Innenstadt für Proteste. Der "Wochenblick" hat den Künstler zum exklusiven Interview getroffen.

Das Offene Kulturhaus sorgt mit einem Kunstprojekt seit Tagen bei vielen Linzern für Empörung. Mitten in der besinnlichen Adventzeit ruft täglich ein Muezzin zum islamischen Gebet auf!

Der „Wochenblick“ hat sich exklusiv mit dem verantwortlichen Künstler, Werner Puntigam, getroffen, um seine Sicht der Dinge mit ihm zu besprechen.

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Ist es reine Provokation?

 Wochenblick: Sie sind mit vielen kritischen Stimmen konfrontiert worden. Die aufgebrachten Herrschaften haben geäußert, dass sie die Aktion für eine Provokation halten. Die Kapelle mit dem Kreuz am Dach wird als christliches Gebäude wahrgenommen, das es eigentlich nicht mehr ist. Wie begegnet man dem Vorwurf, dass es eine Provokation ist, mohammedanische Inhalte in einem christlichen Raum zu präsentieren.

Puntigam: Die Kapelle gehört natürlich zum christlichen Kulturgut, ist aber kein Kirchenraum mehr. Wie sie wissen, gibt es in Europa viele solche ehemaligen kirchlichen Orte, die für verschiedene Zwecke benutzt werden – als Hotel, Restaurant, oder als Museum, als Kunstort. Die Installation ist eine Reflexion der Realitäten in verschiedenen Ländern, die ich bereist oder wo ich gearbeitet habe. Ich habe diese Aufnahmen in diesen Ländern gemacht, weil mich speziell der klangliche Aspekt interessiert hat. Die Muezzin-Rufe sind keine Schreie sondern Rufe zum Gebet, und können je nach Region sehr unterschiedlich klingen. Die Installation „Adhina“ – das bedeutet „zuhören / informiert sein“ – soll in weiterer Folge auch an anderen Orten gezeigt werden.

Wochenblick: Bleiben wir beim Ort. Mir ist die Antwort auf die Frage wichtig, ist es notwendig diese Aktion im Advent in einer christlich erscheinenden Kapelle durchzuführen? 

Puntigam: Für uns ist die Kunst-Kapelle der bestmögliche Ort in Linz, um diese Installation zu realisieren. Räumlich, von der Größe, von der Akustik. Aber auch um unsere christlichen Wurzeln zu symbolisieren, mit denen wir dem islamischen Gebetsruf mit Respekt begegnen und in künstlerischer Form reflektieren. Wir finden es wichtig, dass sich Menschen unterschiedlicher Religionen einander nicht verschließen, sondern in Kontakt sind und einander zuhören. Das ist eine wichtige Basis, um in Frieden miteinander leben zu können.

Wochenblick: Verstehen Sie die Österreicher, die sagen, sie wollen so etwas im Advent eigentlich nicht haben?

Puntigam: Ja, ich kann die Skepsis nachvollziehen. Es gibt aber auch viele Österreicher, die unser Projekt sehr positiv sehen. Das wichtigste ist deshalb, dass man (nicht nur) im Zuge der Installation ins Gespräch kommt und versucht, das Verbindende zu finden und nicht einzig und allein nur das Trennende thematisiert. Man darf die positiven Dinge nicht übersehen. Wir alle sollten versuchen Lösungen zu finden, wie man im Alltag gut miteinander auskommt. Das Negative, fundamentalistisch argumentierte Gewalttaten von Islamisten sind leider Realität. Aber so schrecklich das ist, Islam und alle Muslime generell mit Terror und Extremismus gleichzusetzen geht nicht!

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Die provokanten Muezzin-Gesänge hatten für viel Wirbel in Linz gesorgt!

Muss es eine Kirche sein?

Wochenblick: Der Ruf „Allahu Akbar“ ist ja nicht immer nur positiv belegt. Das rufen zum Beispiel auch viele Selbstmordattentäter bevor Menschen sterben und das verbinden wahrscheinlich viele Österreicher nicht unbedingt mit dem Advent.

Puntigam: Das ist ein furchtbarer Missbrauch. Bei unserem Projekt geht es um den Ruf zum Gebet. Das muss man ganz klar unterscheiden. Wir haben den Zeitraum des Advent gewählt, weil sich Christen in dieser Zeit besonders bemühen Frieden zu leben. Also wäre jetzt genau die Gelegenheit, das ohne Vorurteil in die Tat umzusetzen und dem anderen offen zu begegnen und mehr übereinander zu erfahren.

Wochenblick: Um dem Gedankengang zu folgen, glauben Sie, dass im Verständnis zwischen Christen und Mohammedanern das Problem eher bei den Christen liegt oder gibt es auch gewisse Verständnisschwierigkeiten auf der anderen Seite?

Puntigam: Konflikte entstehen daraus, dass auf beiden Seiten zu wenig Bereitschaft besteht, den anderen zu respektieren. Ich habe zum Glück sehr viele äußerst positive Erfahrungen mit Menschen unterschiedlicher Kulturkreise und verschiedenen Religionsbekenntnissen, die in gegenseitigem Respekt sehr gut miteinander auskommen.

Wochenblick: Ein großer Kritikpunkt vieler, wie auch auf Social Media nachlesbar war: Man kann so ein Projekt in Zeiten wie diesen in einem vermeintlich christlichen Gotteshaus machen. Kann man in eine Moschee gehen und dort christliche Weihnachtslieder singen?

Puntigam: In manchen Ländern ist das sicher möglich. Vielleicht nicht direkt in der Moschee (wir sind damit ja auch nicht in einer Kirche), aber eventuell in den Räumlichkeiten eines islamischen Kulturvereins, wo man bei Interesse hingehen und sich etwas ansehen und anhören kann, was einem vielleicht noch fremd ist oder man nicht so gut kennt.

Spontaner Protest gegen Muezzin

Wochenblick: Heute waren viele Menschen da, die spontan christliche Weihnachtslieder gesungen haben …

Puntigam: Ich kenne die Lieder freilich auch alle und jeder kann singen wonach ihr oder ihm grad zumute ist. Dass das Lied „Stille Nacht“ in Österreich traditionell eigentlich nur am Heiligen Abend gesungen wird, wurde bei der Programmzusammenstellung offenbar übersehen. Wenn ich von der ersten bis zur letzten Minute nicht intensiv im Gespräch mit den Besuchern der Installation gewesen wäre, hätte ich sie gerne auch alle begrüßt und mich dafür bedankt, dass sie sich die Zeit genommen haben. Schön wäre es, wenn sie alle nicht nur in 20 Metern Entfernung singen würden, sondern auch in die Kapelle kämen, um zu sehen, was wir hier wirklich machen.

Friedlich trafen immer mehr Christen verschiedenster Herkunft und Altersgruppen ein, um durch das gemeinsame Singen von Weihnachtsliedern ihren Protest auszudrücken.

Wochenblick: Angenommen sie hätten das Projekt im August gemacht und in einem Saal des OK, hätte es dann solche Reaktionen hervorgerufen?

Puntigam: Das kann ich nicht sagen, weil wir es nicht auf diese Weise gemacht haben. Die kleine Kapelle mit dem verspiegelten Boden ist die ideale Location für diese Installation. Wenn wir es irgendwann, irgendwo anders präsentieren, wird es wahrscheinlich andere Reaktionen und interessante Gespräche geben.

Wochenblick: Beispielsweise am 14. Dezember, wo im OK eine Podiumsdiskussion geplant ist?

Puntigam: Ja, am 14. Dezember um 19 Uhr gibt es in Kooperation mit dem OÖ Presseclub und dem OÖ Journalistenforum im 1. Stock Foyer des Ursulinenhof eine Podiumsdiskussion mit Vertretern verschiedener Religionen zum Thema „Wie viel Religion verträgt der Öffentliche Raum?“ Diese Möglichkeit des Gesprächs rund um die Installation ist allen Beteiligten ein sehr wichtiges Anliegen.

Wochenblick: Glauben Sie, dass man im Islam an den selben Gott glaubt wie im Christentum?

Puntigam: Sowohl Islam als auch Christentum glauben an einen liebenden Gott, der den Menschen Orientierung, Hoffnung und Halt im Leben und friedvollen Zusammenleben gibt. In diesem Sinne sollte der Glaube an eine höhere Macht Gläubige egal welchen Religionsbekenntnisses einen und geprägt von gegenseitigem Respekt Basis für einen fruchtbaren Dialog und ein friedliches Zusammenleben sein, wie es in einigen Regionen dieser Welt auch eindrucksvoll vorgelebt wird, und ich persönlich auch öfter erleben durfte.

Wochenblick: Wie geht es ihnen als Christ, wenn sie Polizisten mit Sturmgewehren und Betonbarrikaden auf Weihnachtsmärkten sehen, weil die Menschen in Angst vor islamistischen Angriffen leben? 

Puntigam: Ja, das ist leider eine extrem bedauerliche Entwicklung.

Wochenblick: Die junge Dame von der Protestaktion hat den Wunsch geäußert, den Künstlern ein Buch über Christenschicksale in der Gegenwart zu übergeben, um sie zum Nachdenken zu bringen. Ihr Vater musste als Christ aus einem islamischen Land fliehen um nicht ermordet zu werden. Nehmen sie das Dialogangebot an?

Puntigam: Künstler sind grundsätzlich sehr aufmerksame Menschen und nehmen sehr intensiv und umfangreich wahr und reflektieren ständig, was in der Welt an Schrecklichem, aber auch Gutem passiert. Das Buchgeschenk ist daher nicht nötig. Den persönlichen Dialog begrüßen wir.