Zunächst einmal: Der Coronavirus SARS-CoV-2 selbst hat keine spezifische Auswirkung auf die Psyche der Erkrankten. Es sind vielmehr mediale oder politische Prozesse, die sich auf das Leben – und damit auch auf die Psyche – der gesamten Bevölkerung auswirken.

Ein Bericht von Raphael Mayrhofer

Reaktionen führen zu Angst

Diese Unterscheidung ist wichtig. Im Gegensatz zu psychischen Erkrankungen wie Depressionen sind die Effekte, die der Coronavirus auf unsere Psyche hat, keine direkte Folge der Erkrankung, sondern das Ergebnis von äußeren Einflüssen und Handlungen.

Die mediale Berichterstattung oder politisch verordnete Ausgangssperren – also die gesellschaftlichen Reaktionen auf die Krankheit – führen zu Angst, Unruhe, Anspannung oder konkreten Handlungen wie etwa „Hamsterkäufen“. Doch wie laufen diese Prozesse überhaupt ab? Der älteste Teil unseres Gehirns ist das sogenannte Reptiliengehirn (Hirnstamm). Es ist zuständig für unsere Überlebensfunktionen. Der Hirnstamm entscheidet in Sekundenbruchteilen, ob wir auf eine Gefahr mit „Flucht oder Kampf“ reagieren, wie es der US-amerikanische Physiologe Walter Cannon beschreibt.

Überlebensstrategie

Ein zentraler, erlernter Mechanismus ist dabei die Angst. Sie signalisiert uns, dass wir uns in einer prekären Situation befinden, die wir entweder schnell verlassen sollten, in der wir kämpfen müssen oder auf die wir mit einem bestimmten Handlungsmuster – wie etwa mit einer Schreckstarre – reagieren müssen. Angst zielt dabei vor allem auf unsere „Bauchgefühle“, also unsere Emotionen und schwächt so unsere Fähigkeit, Umstände rational zu beurteilen, wie der oberösterreichische Psychiater Univ.-Doz. DDr. Raphael Bonelli in seinen Ausführungen zur Corona-Krise erklärt.
Wenn wir also mit medialen Horrormeldungen wie etwa „Wieder 500 Corona-Tote in Italien“ konfrontiert werden oder wir durch außergewöhnliche Verordnungen zu sozialer Isolation gezwungen sind, ist Angst eine Strategie unseres Körpers, um mit der Situation umzugehen. Übrigens: Auch die Verdrängung oder Leugnung der Krise wären psychologisch nachvollziehbare Strategien.

Anspannung in der Krise

Derzeit befinden sich infolge von COVID-19 weltweit etwa 2,6 Milliarden Menschen in Ausgangssperren. Eine historische Sondersituation, die gewohnte Routinen unterbricht. Auch hierzulande. Die Schließung von zehntausenden Unternehmen, die kollektive Umstellung auf Heim- oder Zeitarbeit, drohende oder effektive Arbeitslosigkeit, geschlossene Geschäfte, Vereine und Schulen, Kontaktverbote und soziale Isolation durchbrechen die Sicherheit des genormten Alltags und werfen uns in einen völlig neu zu organisierenden Zustand. Neben der Angst, uns selbst zu infizieren, sind es vor allem Verlustängste, die uns in der Krise beschäftigen. Angst um Angehörige, den Arbeitsplatz oder sogar die Ernährungssicherheit führen zu aggressivem oder ängstlichem Verhalten. Dazu kommt das Kopieren von Verhaltensmustern – wie etwa beim Horten von Klopapier, wie die US-amerikanische Psychologin Erin Leonard ausführt. Diese „Hamsterkäufe“ entspringen zudem dem Wunsch, Situationen kontrollieren zu wollen, die unkontrollierbar scheinen.

Umorientierung

Soziale Isolation kann ebenso zu Vereinsamung und Depressionen führen. Das beste Mittel dagegen: Reden. So verdoppelte sich in der Bundesrepublik die Zahl der Anrufe bei der Telefonseelsorge infolge des Coronavirus, wie die Sprecherin Astrid Fischer erklärt. Der Mensch als soziales Wesen, das seine Identität erst durch die Wechselwirkung mit anderen Personen entwickelt, rutscht so schnell in eine Identitätskrise. Gerade wenn ein extrovertierter oder hektischer Lebensstil auf eine erzwungene Ruhephase trifft.

Rückbesinnung

Die meisten Menschen sind es zudem gewohnt, sich auf Integrations- und Leitfiguren in Politik und Medien zu verlassen. Unkontrollierbare und daher in ihrem Verlauf nicht vorhersagbare Krisen verunsichern oft diese Vertrauensverhältnisse. Daher tendieren Personen, die Krisen erleben dazu, sich in Schutzsphären zurückzuziehen, die einen höheren Grad an Verwurzelung und Kontrollierbarkeit aufweisen. Land, Familie, der eigene Garten, die Nachbarschaft, die eigene Kultur. Auch der Sozialpsychologe Arnd Florack spricht in diesem Zusammenhang von „kleinen sozialen Systemen“, die uns Halt geben und Sinn stiften.

Und auch der Neurowissenschafter Bonelli empfiehlt deshalb, die Zeit der Ausgangssperre dazu zu nutzen, sich selbst zu ergründen und nach dem eigenen „Woher“ und „Wohin“ sowie wegweisenden Werten zu fragen.

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