Der Mathematische Turm wird oft als „erstes Hochhaus Europas“ bezeichnet.

Die diesjährige Landesgartenschau im Stift Kremsmünster hat sich als großer Erfolg erwiesen. Über eine Viertelmillion Menschen konnten begrüßt werden – viele davon werden die Gelegenheit wohl auch genutzt haben, die mächtige Klosteranlage mit ihrer prunkvollen Stiftskirche näher kennen zu lernen.

Ein Gastbeitrag von Dr. Siegfried Pichl


Leicht zu merken ist das Gründungsjahr von Stift Kremsmünster, nämlich 777. Wie viele Klostergründungen, ist auch diese mit einer Legende verbunden. Demnach wurde Gunther, der Sohn Herzog Tassilos, auf der Jagd von einem Keiler getötet, worauf Tassilo am Fundort des Leichnams ein Kloster gründete.

Erste Umgestaltungsphase datiert ins 17. Jahrhundert

Auf diese sagenumwobene Geschichte verweist das so genannte Gunthergrab in der Vorhalle der Stiftskirche, worauf der Herzogssohn mit Eber und Jagdhund dargestellt ist – allerdings handelt es sich dabei bereits um ein Werk der Frühgotik.
Im Laufe seiner mehr als tausendjährigen Geschichte hat Stift Kremsmünster vielfach bauliche Veränderungen erfahren. Die ursprüngliche Stiftskirche wurde im 11. Jahrhundert durch einen romanischen Neubau ersetzt, der wiederum im 13./14. Jahrhundert einer gotischen Basilika weichen musste.

Seine heutige Gestalt verdankt das Kloster aber der Zeit des Barock. Die erste Umgestaltungsphase datiert ins 17. Jahrhundert. Nachdem man zunächst den Chorraum verändert hatte, wurde in Folge das gesamte Langhaus mit prächtigem Stuck überzogen und mit Freskenmalereien ausgestattet.

Freskenmalereien

1681 wurde die Westfassade mit den Doppeltürmen barockisiert. Die auffallenden Tapisserien an den Kirchenpfeilern sind eine Brüsseler Arbeit vom Ende des 17. Jahrhunderts, die Geschichte des alttestamentlichen Josef darstellend. In ihrer heutigen Erscheinung beeindruckt die Stiftskirche aber nicht nur durch ihre barocke Ausstattung, sondern auch durch ihre Dimensionen: 78 Meter ist sie lang und 21 Meter breit, die Höhe des Hauptschiffes beträgt 18 Meter.

Um ein markantes Bauwerk wurde der Klosterkomplex in der Mitte des 18. Jahrhunderts bereichert: den so genannten Mathematischen Turm, der auch gerne als „das erste Hochhaus Europas“ bezeichnet wird. Dieser ist untrennbar verbunden mit dem Namen von Abt Alexander Fixlmillner, ein der Aufklärung verbundener Mann, der großes Interesse an den Naturwissenschaften zeigte.

So beherbergte das neue Gebäude nicht nur eine wissenschaftliche Sammlung, sondern auch eine Sternwarte. Vom Volk, das der Aufklärung kritisch gegenüberstand, als „Turmbau zu Babel“ verspottet, konnte der 51 Meter hohe Turm, in dem sich auch heute noch die naturwissenschaftliche Sammlung des Stiftes befindet, 1748 fertig gestellt werden.

„Turmbau zu Babel“

Eine architektonische Besonderheit stellen auch die Fischkalter dar. Es handelt sich dabei um eine arkadengesäumte Anlage von fünf Wasserbecken, deren Skulpturen zugleich als Wasserspeier dienen. An der Planung waren Carlo Carlone und Jacob Prandtauer beteiligt, die endgültige Fertigstellung erfolgte um das Jahr 1720. Getragen werden die Arkaden von 78 Säulen.

Nur noch Reste sind heute von der ursprünglichen Freskierung der Gewölbe erkennbar. Die Fischzucht stellte eine wichtige Ernährungsgrundlage für die Mönche dar, insbesondere während der Fastenzeit konnte so für eine abwechslungsreiche Tafel gesorgt werden. Können die Sehenswürdigkeiten von Kremsmünster im Rahmen dieses Artikels auch kaum erschöpfend aufgezählt werden, so sind doch jedenfalls noch der Kaisersaal und die Bibliothek zu erwähnen – beide können im Rahmen von Führungen besichtigt werden.

Römisch-deutsche Kaiser

Beim Kaisersaal handelt es sich um eine Schöpfung Carlo Carlones aus den Jahren 1693-1695, das große Deckenfresko wurde von Melchior Steidel gestaltet. Erst nach 1720 entstanden die von Martino Altomonte geschaffenen Portraitgemälde, die römisch-deutschen Kaiser aus dem Hause Habsburg darstellend. Diesem Raumprogramm verdankt der Kaisersaal auch seinen Namen. Die Bibliothek schließlich umfasst nicht weniger als 160.000 Bände und zählt somit zu den größten Stiftsbibliotheken Österreichs.

Die Gestaltung erfolgte wiederum durch Carlo Carlone. Zuletzt sei allen Besuchern noch eine Führung durch die kunsthistorische Sammlung des Stiftes ans Herz gelegt. Unter vielen anderen Kunstschätzen wird hier auch jenes Artefakt aufbewahrt, das besondere Berühmtheit erlangt hat: der Tassilokelch. Es handelt sich dabei um ein liturgisches Gefäß, das wohl um das Jahr 780 von Herzog Tassilo III. gestiftet wurde und auch heute noch an hohen kirchlichen Feiertagen Verwendung findet.