Es ist ein wundervoller Tag. Die Sonne strahlt, der Mai glänzt mit sommerlicher Vorfreude. Auf den Straßen und Plätzen der Stadt Donezk herrscht Hochbetrieb am 11. Mai. Der Grund: Es ist der „Tag der Republik“, einer der wichtigsten und bedeutendsten Tage in der Donbass-Metropole.

Ein Gastbeitrag von Manuel Ochsenreiter

Mehrheit für Unabhängigkeit

Die Bürger feiern sich selbst, ihre Entscheidung für Selbstbestimmung. Rückblende: Am 11. Mai 2014 findet im Donbass ein Referendum über die Zukunft der Region statt.

Bereits im April hat sich die „Volksrepublik Donezk“ für unabhängig von der Ukraine erklärt, der Volksentscheid soll diese Unabhängigkeit besiegeln. Bereits im März fand auf der Krim – die ebenfalls zur Ukraine gehörte – ein Referendum statt, bei dem die überwältigende Mehrheit der Bürger für eine Loslösung von der Ukraine stimmte.

Kurz darauf wurde die Krim in die Russische Föderation aufgenommen. Auch das motivierte die Menschen im Donbass, für einen Abschied von der Ukraine zu stimmen. Doch in ihrem Fall läuft es nicht so glatt wie für die Bürger auf der Krim. Anstatt Teil Rußlands zu werden, wie es viele hofften, kam der Krieg in die Region.

volksrepublik donezk

Der Krieg kam

Die ukrainische Armee und sogenannte „Freiwilligen“-Einheiten versuchten mit Brutalität und Kriegsverbrechen, den Donbass wieder gewaltsam in die Ukraine zurückzuholen. Das Unternehmen Kiews scheiterte kläglich, trotz massiver westlicher finanzieller Unterstützung. Am 5. September 2014 wurde in Minsk ein Waffenstillstand mit der Ukraine verkündet, der zutiefst brüchig war.

Am 12. Februar 2015 wird Minsk II unterzeichnet – dabei sind der damalige französische Präsident François Hollande, die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel, der ukrainische Präsident Petro Poroschenko sowie der russische Präsidenten Wladimir Putin. Unterzeichner sind die OSZE-Beauftragte Heidi Tagliavini, der frühere Präsident der Ukraine Leonid Kutschma, der Botschafter der Russischen Föderation in der Ukraine Michail Surabow sowie die Vertreter der Volksrepubliken Lugansk und Donezk Igor Plotnizki und Alexander Sachartschenko.

volksrepublik donezk

Glückliche Menschen

Das Referendum zur Unabhängigkeit ist nun vier Jahre her. In westlichen Medien heißt es immer wieder, die beiden Volksrepubliken Donezk und Lugansk seien so etwas wie „Räubernester“, die Bevölkerung werde von „Separatistenführern“ drangsaliert und eigentlich seien die Gebiete in Wirklichkeit nicht unabhängig, sondern „russisch besetzt“.

Doch heute, am 11. Mai 2018, feiern die Menschen ausgelassen ihre Entscheidung von 2014. Ganz Donezk ist ein Fahnenmeer, eine riesige Parade setzt sich in Marsch. Aber es wird nicht etwa militärische Stärke gezeigt, sondern gesellschaftliche Einigkeit. Bei der Parade laufen Sportvereine, Gewerkschaften, Schüler und Studenten, Musikvereine und Tanzklubs. Sie alle tragen die Farben der Donezker Republik Schwarz-Blau-Rot.

Eine Babushka lächelt

Für die Bewohner der kleinen Volksrepublik ist dieser Tag eine jährliche Gelegenheit, ihre Einigkeit und ihren Willen zur Selbstbestimmung zu demonstrieren. „Fast wie eine Wiederholung und Bestätigung des Referendums“, lächelt eine Babushka, die in ihren Händen die Fahnen der Volksrepublik Donezk und der Russischen Föderation hält.

Noch immer hoffen die Menschen im Donbass, dass auch sie eines Tages zur Russischen Föderation gehören werden – wie die Krim. Doch die aktuelle politische Großwetterlage erlaubt dies derzeit nicht.

donezk

Mit der EU kam der Krieg

Für die Krim öffnete sich kurz im März ein historisches Fenster. Doch das war schnell wieder geschlossen – noch bevor Donezk seine Unabhängigkeit erklärte. Es herrscht nach wie vor Krieg. Täglich wird geschossen, fast täglich sterben Zivilisten. Europa schaut weg, solidarisiert sich auf US-Geheiß mit den Kriegsverbrechern in Kiew.

Europäische Steuergelder fließen in die Ukraine und ermöglichen ihr den Krieg gegen den Donbass. Dieser 11. Mai ist für die Menschen dort auch eine wichtige Gelegenheit, dagegen zu demonstrieren. Sie zeigen: „Seht her, wir lassen uns unsere Entscheidung zur Unabhängigkeit nicht von Kiew wegbomben.“