Können Sie sich ein Germanistik-Studium vorstellen, bei dem große mittelalterliche Werke wie das Nibelungenlied oder das Hildebrandslied nicht einmal erwähnt werden? Einen ähnlichen Vorschlag prüft derzeit die Universität Leicester. In einem Vorstoß, sich einen „dekolonialisierten“ Lehrplan zu schaffen, sollen Klassiker des englischen Mittelalters künftig nicht mehr im Englischstudium vorkommen. 

Ziel der Vorschläge seien „Bachelorabschlüsse, bei denen Module bereitgestellt werden, die Studenten von einem Englisch-Abschluss erwarten“. Daher steht alles, das vor 1500 geschrieben wurde auf dem Prüfstand. Darunter befinden sich zeitlose Klassiker wie das epische Heldengedicht Beowulf – so etwas wie ein englisches Nationalepos – oder die berühmte Artus-Abhandlung von Thomas Malory. Bei einem radikalen Schnitt müssten auch die legendären „Canterbury Tales“ von Geoffrey Chaucer daran glauben.

Mittelalter könnte Modulen über „Diversität“ weichen

An deren Stelle in einem „aufregend innovativen“ neuen Curriculum würde eine „Auswahl von Modulen über Rasse, Ethnie, Sexualität und Diversität“ treten, um ein „dekolonialisiertes“ Englisch-Studium anbieten zu können. Unterstellungen, wonach die Autoren „zu weiß“ seien, wies die Uni Leicester von sich. Aber sie bestätigte, dass die legendären Mittelalter-Epen zugunsten „populärer Werke“ weichen müsste.

Immerhin bekannten sie sich dazu, dass Klassiker jüngeren Alters (vorerst) keine Gefahr laufen, aus der Lehre zu verschwinden. Um William Shakespeare, Jane Austen, Charles Dickens oder Virginia Woolf müsste man sich daher keine Gedanken machen. Die Uni bekenne sich weiterhin zur akademischen Breite. Man verfolge aber eine „langfristige Strategie, auf globaler Ebene wettbewerbsfähig zu werden“.

Historiker laufen Sturm gegen Lehrplan-Änderung

Absolut keine Freude mit einer Streichung der klassischen Autoren, die einer modernen Bücherverbrennung nahekommt, haben indes Gelehrte sowie zahlreiche Bürger, die sich in wütenden Briefen an die Hochschule sowie an britische Medien wandten. Der Historiker Richard Tombs, Verfasser eines wichtigen Werkes über die englische Sprachgeschichte, bezeichnete die Pläne etwa als „verrückt“.

Gerade weil Literatur die Möglichkeit eröffne, in kaum greifbare Welten einzutauchen, drohe eine unschätzbare Tragödie. Ähnlich der Tenor seines Kollegen Ian Mortimer, der diverse Sachbücher und Romane über das Mittelalter veröffentlichte. Dieser wörtlich: „Ich finde diese Vorschläge nicht nur bedrückend, sondern zutiefst falsch – wie auch unglaublich kurzsichtig und kontraproduktiv“.

Nicht die erste politisch korrekte Stilblüte in Leicester

Es ist übrigens nicht das erste Mal, dass die Uni in der 350.000-Einwohner-Stadt in den Midlands wegen behäbiger Versuche politischer Korrektheit in die Schlagzeilen gerät. Den „Internationalen Frauentag“ am 8. März benannte man laut der Daily Mail im Vorjahr kurzerhand in „International Womxn’s Day“ um. Das Ziel war damals, auch Transgender-Personen und „nicht-binäre“ Geschlechteridentitäten einzubinden.

Daraufhin brach eine Welle der Empörung über die Hochschule herein. Kritiker sahen darin etwa eine despektierlichen Umgang mit der Erinnerungen an jene Frauen, die sich vor 100 Jahren das Wahlrecht erkämpften. Schon zuvor sorgte für eine Verwirrung, dass jemand, der als Mann geboren wurde und als Transfrau identifizierte ausgerechnet die Position als offizielle Frauensprecherin an der Uni Leicester bekleidet.