In Holland brennen Autos. Als Systemanalytiker glaube ich dieselben – oder ähnliche – Szenen für andere Länder vorher sagen zu können.Sie zu verhindern ist das Ziel der folgenden Ausführungen. Dazu skizzierte ich zuerst die systemischen Gesetzmäßigkeiten, die zu den Ereignissen in Holland geführt haben. Sie beginnen mit dem Satz: Die Achtung vor einem Menschen zeigt sich (vor allem) im Umgang mit seinem Nein.

Ein Gastbeitrag von Dr. Erich Visotschnig

Wenn Sie diesen Satz mittragen können, ist die Kette der Schlussfolgerungen kurz, die zu den brennenden Autos führt. Denn Menschen, deren Nein nicht beachtet wird, fühlen sich dementsprechend missachtet. Es ist verständlich, dass sie frustriert, ärgerlich und unzufrieden sind. Genau das trifft auf die Holländer zu, welche mit den Corona-Maßnahmen der Regierung nicht einverstanden waren. Solange ihre Proteste und Demonstrationen friedlich gewesen sind, war das vordergründige Bemühen der Politik, Maskenpflicht und Abstandsregeln durchzusetzen. Einladungen an die Protestierenden zu Gesprächen mit dem Ziel, deren Meinung kennen zu lernen und ihr Rechnung zu tragen, sind nicht erfolgt. Man hat ihnen kein Gehör geschenkt, sie hatten keine Möglichkeit, ihre Meinung wirksam zu äußern. Das hat sie frustriert, verärgert und unzufrieden gemacht.

Demokratie lebt von Vielfalt

Damit beginnt ein Teufelskreis: Sie können ihre Unzufriedenheit und Verärgerung nicht ausdrücken. Diese steigen dadurch und erzeugen zusätzlich ein Gefühl der Ohnmacht und Wut. Ohnmacht gegenüber übermächtigen Gewalten erzeugt Angst. Niemand will in Angst leben. Der Selbsterhaltungstrieb erfordert Maßnahmen: Entweder die Angst erzeugenden Situationen vermeiden oder sie bekämpfen. Für Holländer, die das System nicht verlassen können, bleibt nur: Das System bekämpfen. Widerstand, der im System nicht geäußert werden kann, wendet sich gegen das System.

Daher brennen die Autos in Holland. Durch die Weigerung der Politik, sich mit Andersdenkenden auseinanderzusetzen war der Teufelskreis gestartet worden. Die Kriminalisierung der Randalierenden, die nun vollmundig gefordert wird, gießt Öl ins Feuer. Sie bestätigt die Missachtung, welche die Randalierenden subjektiv empfunden haben. Sie bestätigt, dass die Regierenden nicht bereit sind, die Ansichten der Randalierenden ernst zunehmen. Und sie bestätigt schließlich, dass die Regierenden nicht verstanden haben, dass Demokratie von Vielfalt lebt. Sie zeigt, dass die Regierenden nicht wissen, was in der Wissenschaft anerkannte Tatsache ist: Dass die kollektive Intelligenz von Gruppen der Intelligenz von Einzelexperten überlegen ist.

Andersdenkende als unbekannte Größe

Letzten Endes zeigt sie das Streben der Regierenden, ungestört und autoritär regieren zu können. Dadurch beginnt der Teufelskreis zweiter Teil: In jenem Teil der Bevölkerung, welcher die Linie der Regierenden mitgetragen hat, wirkt die Auseinandersetzung mit den Andersdenkenden genau dadurch, dass sie nie stattgefunden hat. Die Andersdenkenden sind dadurch eine völlig unbekannte Kraft. Außerdem sind sie – wie die Randale beweisen – gefährlich. Die Andersdenkenden erzeugen daher Angst.

Für Holländer ist eine Flucht unmöglich. Daher beginnt der Abwehrmechanismus von Angst wie oben: Die angstmachenden Kräfte werden bekämpft bzw. jene, welche die Angst machenden Kräfte bekämpfen, werden unterstützt: Der Polizeieinsatz wird gutgeheißen, die harte Linie der Politiker wird bejaht, die Politiker fühlen sich bestätigt. Niemand kann absehen, wie der Konflikt zwischen den unzufriedenen und den autoritären Kräften in Holland ausgehen wird.

Es ist möglich, dass die geballte Polizeimacht des Staates imstande ist, genügend Angst zu verbreiten, um die formale Ruhe wiederherzustellen. Sie wird dann einen Staat herstellen, dessen Funktion durch ausreichende Angst vor der Polizei gesichert ist. Staaten, die auf derartiger Grundlage aufbauen, nennt man im Alltag Diktaturen.

Corona ist ein gesellschaftliches Problem

Ich weiß nicht, ob und wie die Situation in Holland noch zu retten ist. Mein dringender Appell aber geht an die Politiker in den Staaten, in denen noch keine Randale ausgebrochen sind: Sprechen Sie mit den Andersdenkenden. Nehmen Sie deren Meinung, deren Experten, deren Datenquellen und ihre Interpretation ernst. Versuchen Sie, Ihren eigenen Horizont dadurch zu erweitern. Und vor allem, horchen Sie auf deren Lösungsvorschläge. Denn der Umgang mit Corona ist nicht nur ein medizinisches oder virologisches Problem. Er ist in erster Linie ein gesellschaftliches Problem.

Daher sind Ärzte und Virologen zwar wichtige Ratgeber, aber die eigentlichen Experten, die benötigt werden, sind Experten über gesellschaftliche Entwicklungen. In einer Demokratie ist die wirkliche Expertise über gesellschaftliche Entwicklungen durch die Meinungsvielfalt in der Bevölkerung gegeben. Die Meinungen und Lösungsvorschläge, welche aus den unterschiedlichen Gruppen der Bevölkerung kommen, dürfen daher keinesfalls übergangen werden. Sie sind die Quellen, aus denen sich die Meinungsbildung der Entscheidungsträger speisen sollte. Und noch etwas: Einflusslosigkeit erzieht zur Verantwortungslosigkeit. Verantwortungsloser Umgang mit Corona-Sicherheitsmaßnahmen, entsteht nicht zuletzt dadurch, dass die Stimme der Betroffenen beim Ausarbeiten der Sicherheitsrichtlinien nicht berücksichtigt wird.

Politik muss Strategie ändern

Wenn Sie als Politiker ihre Strategie ändern und die Betroffenen an derAusarbeitung der Sicherheitsrichtlinien beteiligen, werden Sie feststellen, dass letztere größtenteils bereitwillig eingehalten werden. Und wenn Sie dann auch noch bei Übertretungen nicht mit Polizeistrafen reagieren, sondern nach den Gründen der Übertretung fragen und diese Gründe in Ihre weiteren Überlegungen einfließen lassen, dann haben Sie die Chance, das Problem wirklich von der Wurzel her zu beseitigen. Der Widerstand der Betroffenen wird im System gehört und wird dort wirksam: Der Nährboden, aus dem Randale entstehen, wird nicht gebildet.

Das Land wird sicher und friedlich durch die Krise steuern. Und daher mein letzter Appell, diesmal an die Organisatoren von Demonstrationen und Widerstand: Beschränkt euch nicht auf das Nein. Arbeitet Strategien aus, die ihr mittragen könntet. Und wenn euch Gespräche angeboten werden, dann versucht diese Gespräche konstruktiv zu gestalten: zu einer WIN-WIN-Situation für alle Beteiligten zu führen. Vor allem auch für das Land, in dem ihr lebt.

Dr. Erich Visotschnig ist Systemanalytiker des Instituts ISYKONSENS International OG in Graz.